Welch ein Unterschied: Mit Anfang 20 konnte man es kaum erwarten, auszuziehen – 50 Jahre später würden die meisten am liebsten für immer im eigenen Daheim bleiben. Der Wunsch, zu Hause alt zu werden, ist allgegenwärtig: Rund 90 Prozent der 80- bis 84-Jährigen wohnen in der Schweiz deshalb auch noch in den eigenen vier Wänden.

Fakt ist aber auch: Gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2017 haben knapp 6 Prozent der über 80-Jährigen grosse Schwierigkeiten bei Alltagsaktivitäten, etwa wenn sie baden, duschen, sich an- und ausziehen, selbständig essen, ins oder aus dem Bett steigen sowie beim Toilettengang – und brauchen Pflege oder Betreuung.

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«Die Angst, die eigenen vier Wände verlassen zu müssen» nennt Nadine Bischof Loser als eine der grössten Sorgen, die Senioren und Seniorinnen in Beratungsgesprächen äussern. Sie ist Leiterin Sozialberatung bei Pro Senectute Schweiz.

Ausserdem seien die meisten von den nötigen Abklärungen überfordert: Welche Angebote sind für Pflege und Betreuung zu Hause verfügbar? Wo gibt es ein passendes Alterszentrum? Wer zahlt was? Kann ich mir das überhaupt leisten? «Es ist tatsächlich hochkompliziert», sagt Bischof Loser. Eine Beratung kann sich lohnen. Diese erhält man je nach Wohnort etwa bei der Pro Senectute, der Gemeinde oder beim Schweizerischen Roten Kreuz.

Wunschwohnung gefunden

Eine Beratung haben Margrith und Peter Peyer, 80 und 79, aus Sursee LU indes nicht gebraucht. Ihnen war immer klar, dass sie eines Tages aus ihrer Mietwohnung in eine ein paar Hundert Meter entfernt gelegene Wohnung des Alterszentrums St. Martin ziehen würden. Nach einem Hirnschlag bei Peter Peyer liess sich das Ehepaar vor sechs Jahren auf die Warteliste setzen.

«Wir haben uns auf die Veränderung in unserem Leben gefreut.» Margrith Peyer, Mieterin im Alterszentrum St. Martin in Sursee

«Wir haben uns auf die Veränderung in unserem Leben gefreut.» Margrith Peyer, Mieterin im Alterszentrum St. Martin in Sursee

Quelle: Remo Inderbitzin

«Wir wussten damals ja nicht, wie sich die Gesundheit von Peter entwickeln würde», sagt Margrith Peyer. Es ging besser als erwartet. Erst im Mai 2022, als ihnen endlich auch ihre Wunschwohnung vorgeschlagen wurde, entschieden sie sich für den Umzug. «Unsere grosse Mietwohnung machte uns mittlerweile auch zu viel Arbeit. Ausserdem freuten wir uns auf eine Veränderung in unserem Leben», sagen die Peyers.

Ob in einem privat oder von der Gemeinde geführten Alterszentrum: Der Umgang mit Anmeldungen ist sehr unterschiedlich. Die einen haben Wartelisten abgeschafft, andere setzen Bewerber nach der zweiten Absage wieder an den Schluss der Liste. Auch die Wartezeiten sind sehr unterschiedlich. «Ein Platz findet sich aber immer», sagt Nadine Bischof Loser von Pro Senectute.

Doch jene, die sich zu spät darum kümmern oder aufgrund eines Notfalls ins Heim müssen, hätten dann halt meist wenig Auswahl. Die Expertin rät, sich bereits nach der Pensionierung Gedanken darüber zu machen, wie man sich die Wohnsituation in den kommenden 20 bis 30 Jahren vorstellt. Spätestens nach einem Unfall oder mit dem Beginn einer ernsthafteren Krankheit sollte man sich konkret mit der Frage auseinandersetzen: zu Hause bleiben oder umziehen?

Rollstuhlgängig und mit Lift

Für die heute 81-jährige Maria-Carmen Christ war schon vor 16 Jahren klar: «Das Wichtigste war mir, möglichst lange meine Selbständigkeit und Freiheit zu bewahren.» Nachdem sie aufgrund eines Umbaus ihre Mietwohnung in Cham ZG verlassen musste, beschloss sie, in eine Seniorenwohnung in Menzingen ZG zu ziehen – rollstuhlgängig und mit Lift. Weil sie wegen diverser Gelenkoperationen schon damals körperlich eingeschränkt war, benötigte sie eine Alltagsassistenz.

Seit 16 Jahren ein eingespieltes Team: Maria-Carmen Christ und Betreuerin Andrea Schaefer in Christs Seniorenwohnung in Menzingen.

Seit 16 Jahren ein eingespieltes Team: Maria-Carmen Christ und Betreuerin Andrea Schaefer in Christs Seniorenwohnung in Menzingen.

Quelle: Remo Inderbitzin

Heute kommt die Betreuerin von Pro Senectute zweimal in der Woche für eine Stunde vorbei. Sie hilft Christ beim Duschen und putzt die Böden. «Dass ich seit 16 Jahren ein und dieselbe Betreuerin habe, finde ich sensationell.» Weil sie über eine Zusatzversicherung und ein entsprechendes Arztzeugnis verfügt, zahlt die Kasse einen Teil des Putzaufwands.

Rundumpflege geht ins Geld

Klar: Am günstigsten sind Betreuung und Pflege zu Hause durch Angehörige. Auch die öffentliche und die private Spitex übernehmen solche Aufgaben. Letztere sind meist etwas teurer – bezüglich Kostenübernahme durch die Krankenkasse sind die Tarife aber einheitlich. Richtig teuer kann es werden, wenn eine 24-Stunden-Betreuung benötigt wird.

Bei der Caritas beispielsweise starten die Preise bei 6890 Franken im Monat. Ein Pflegezimmer in einem Heim kostet inklusive Pflege jedoch auch zwischen 6000 und 9000 Franken monatlich. Kosten, die viele erschrecken. Trotzdem stehen die öffentlichen Angebote allen offen. Jene Kosten, die man selbst nicht tragen kann, werden mit Ergänzungsleistungen zur AHV und Geldern von Kanton und Gemeinde gedeckt.

Günstiger als ein Pflegeplatz sind Wohnungen, die einem Alterszentrum angegliedert sind. Aber auch dort variieren die Preise enorm. So zahlen Peyers im Alterszentrum St. Martin der Gemeinde Sursee für ihre Zweizimmerwohnung inklusive Betreuungspauschale monatlich 1610 Franken. In einer privaten Einrichtung kann ein ähnliches Angebot andernorts mit 5000 Franken pro Monat zu Buche schlagen.

Aufnahmen vom Senioren Paar Peter und Margrith Peyer im und rund um ihre Wohnung beim Alterszentrum St. Martin in Sursee.
Quelle: Remo Inderbitzin

Maria-Carmen Christ und das Ehepaar Peyer sind mit ihrer jeweiligen Wahl zufrieden. Peyers konnten während einer Grippeinfektion schon mal auf die hausinterne Spitex zurückgreifen, haben einen Ausflug an den Zugersee mitgemacht und besuchen hausinterne Koch- und Bastelkurse. Und sie sind froh, dass sie die entsprechenden Pflegeleistungen vor Ort in Anspruch nehmen können, sollte das Rheuma von Margrith Peyer stärker werden.

Maria-Carmen Christ wiederum geniesst die Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Wohnsituation sowie ihr grosses soziales Netzwerk. Zweimal pro Woche liest sie ausserdem den Bewohnerinnen und Bewohnern des Pflegeheims in Menzingen vor. Ein Umzug dorthin komme für sie aber erst in Frage, wenn sie wirklich nicht mehr mobil sei. Auf eine Warteliste hat sie sich noch nicht setzen lassen.

Stets mobil mit dem Seniorenmobil

«Pfarrer Sieber erhält ein Elektromobil», titelte der «Tages-Anzeiger» 2012. Der mittlerweile verstorbene Obdachlosenpfarrer hatte damals mit 85 Jahren seinen Führerausweis freiwillig abgegeben. Dank eines Elektromobils könne er seine alltäglichen Aufgaben trotzdem wahrnehmen, sagte Pfarrer Sieber. Unterwegs war er fortan mit 12 Kilometern pro Stunde.

Für Ältere, die sich das Autofahren nicht mehr zutrauen, den Führerschein abgeben mussten oder auf dem Velo nicht mehr sicher sind, existiert eine Alternative: Seniorenmobile, kleine, drei- oder vierrädrige Fahrzeuge mit Elektromotor. Es gibt sie offen, mit Verdeck oder ganz geschlossen, für eine oder zwei Personen. Geladen werden die Akkus an einer normalen Haushaltssteckdose. Die Elektromobile bieten Reichweiten von 50 bis 120 Kilometern. Für eine Fahrt zum Lebensmitteleinkauf, zur Ärztin oder zum Kaffee mit Freunden reicht das allemal.

Allen Seniorenmobilen gemein ist die limitierte Höchstgeschwindigkeit von 6 bis 45 Kilometern pro Stunde. Für Gefährte bis 20 km/h ist weder ein Führerschein notwendig, noch muss man einen Helm tragen. Auf der Strasse gelten für die langsameren Modelle die gleichen Regeln wie für Velos: Sie müssen am rechten Rand fahren und Radwege oder -streifen benutzen. Gehbehinderte dürfen – mit angepasster Geschwindigkeit – auch auf dem Trottoir unterwegs sein.

Die Preise variieren sehr stark. Die günstigsten, offenen Elektromobile (Einplätzer) sind ab rund 1700 Franken zu finden. Sobald die Fahrzeuge etwas schneller unterwegs und geschlossen sein sollen, zahlt man mit 20'000 bis 24'000 Franken ähnliche Preise wie für einen Kleinwagen. Es ist ratsam, vor dem Kauf eine Probefahrt zu machen.

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